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Hermann Schaufelberger (1926-2015)

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Der Zweite Weltkrieg

Posted on 1. April 2024 by admin

Im Jahre 1939 kam ich nach Wald in die Sekundarschule und lernte den Ernst des Lebens kennen. Unser Klassenlehrer Gottfried Wolf, so schien es mir wenigstens, hatte von Anfang an etwas gegen den vielleicht etwas scheuen Bauernbuben aus der Aussenwacht, der aber zeitweise auch aufmotzen konnte. Er hat noch bis gegen Ende der zweiten Klasse immer wieder betont, er hätte doch besser dem Vater ein Briefchen geschrieben, mit Klartext, und mich nach der Probezeit in den Hittenberg in die Primarschule geschickt. Es war wohl auch selbstverschuldet, da ich einfach immer glaubte: «Was der Lehrer sagt, muss doch stimmen!» Hauptsächlich in der Botanik bin ich aber oft nicht der gleichen Ansicht wie der Herr Lehrer gewesen. Von meinem verstorbenen Taufpaten hatte ich viele Schulbücher bekommen und sehr viel darin gelesen, so dass mir nicht verständlich schien, wenn etwas anderes als das, was ich schwarz auf weiss gelesen hatte, stimmen sollte.

Im Sommer 39 waren entgegen den Aussagen des englischen Aussenministers nach der Münchener Konferenz dunkle Wolken aufgezogen, und im August wurde die Sache immer bedrohlicher. Der Bundesrat hatte den Grenzschutz aufgeboten, und wer Geld hatte, hamsterte die Läden leer. So ist es oft zu Engpässen mit der Zulieferung der Läden gekommen. Ende August ging über dem Oberland ein Jahrhundertunwetter nieder und richtete riesige Schäden an. Viele Hänge, besonders am Bachtel, sind richtiggehend ins Tal gerutscht. Als Tambour und Ausrufer die Generalmobilmachung der Armee verkündeten, war kaum jemand überrascht. Zwar hatte nach dem Ersten Weltkrieg der Völkerbund mit Sitz in Genf verkündet: «Nie wieder Krieg!» Jetzt aber, nach nur sechs Jahren Nationalsozialismus, war Deutschland schon wieder bis an die Zähne bewaffnet und Willens, eine neue Weltordnung mit Gewalt durchzusetzen. Alle Armeeangehörigen der Schweizer Armee, bis zum 48. Altersjahr, wurden einberufen, zum Teil Vater und Sohn, und auf vielen Bauernhöfen gab es nur noch alte Menschen, Frauen, Jugendliche und Kinder. Für unsere Gemeinde war es ein harter Schlag, wären doch jetzt alle Kräfte nötig gewesen, um die immensen Schäden an Bahn, Strassen und Landschaft einigermassen in Ordnung zu bringen. Es mussten deshalb zum Teil Armeeangehörige eingesetzt werden, damit die Verkehrswege wenigstens wieder funktionierten.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass im Deutschlandfunk bei den Mittagsnachrichten Hitler erklärte: «Seit heute Morgen wird zurückgeschossen!» Polen hat in kurzer Zeit kapituliert, und in der Schlusszeit waren ihm auch die Russen noch in den Rücken gefallen.

Es gab zum Glück im September viele schöne Tage. So konnte unsere Kornernte noch trocken eingebracht werden. An Stelle des Vaters hat unser Zimmerherr Zbinden das Feld gemäht und beim Versorgen in der Scheune geholfen. Viele Zeichen der Solidarität der Bevölkerung mit den Bauersfrauen, die oft mit Schulkindern allein den Betrieb führen mussten, wurden bekannt, sind aber in der Nachkriegszeit bald in Vergessenheit geraten. So hat die Familie unseres damaligen Pfarrers Kirchhofer, der als Feldprediger selbst im Militärdienst war, bei zwei Bauern das Melken der Kühe übernommen.

Sehr rasch hat der Bundesrat gehandelt und kriegswirtschaftliche Massnahmen beschlossen. Zucker, Brot und Mehl, Milch und alle wichtigen übrigen Nahrungsmittel wurden bewirtschaftet und rationiert. Und entgegen der Zeit im ersten Weltkrieg Höchstpreise für Lebensmittel festgeschrieben. Wir merkten im Gheist zwar sehr wenig davon. Korn hatten wir ohnehin für sieben Monate, und für unsere 50 Bienenvölker wurden immer im Nachwinter 600 Kilo Zucker eingekauft, der auch im Haushalt verwendet wurde. 1939 kosteten 100 Kilo bei der Aktion des Bienenzüchtervereins gerade noch 36 Franken. Tschechischer Rübenzucker, der zu Dumpingpreisen in den Westen geliefert wurde! So hat der Vater wie jedes Jahr 700 Kilo bestellt und geglaubt, der Nachbar Jakob Peter werde seinen Sack auch wieder abholen. Dieser sagte aber, der letzte sei noch nicht fertig gebraucht, wir sollen ihn doch behalten. Nun! Nach dem Ausbruch des Krieges hätte der ihn dann doch gerne gehabt, der Vater ist aber hart geblieben, wusste man doch noch nicht, wie es mit den Bienen weitergeht. Als dann für die Imker eine Sonderzuteilung in Kraft getreten ist, hat die Mutter von den persönlichen Marken viele verschenkt, nie aber verkauft, wie es teilweise auch geschehen ist.

Durch die Rationierung sind besonders Menschen in kleinen Haushalten, die keine Schwerarbeit leisteten, in arge Bedrängnis gekommen, weil sie nur die Grundzuteilung erhielten. Nur Kartoffeln waren immer frei, und mussten wohl oder übel den Hunger stillen. Jetzt hat aber jeder im Dorf und in der Stadt entdeckt, dass er auf dem Land Verwandte besitzt, die noch Bauern sind. Jedenfalls mussten wir uns oft fast wehren, nicht gar zu viele Heuer zu haben.

Wenn es aber 1940 in der Schule geheissen hat, am Nachmittag ist Schwimmen im Sonnental, wurde immer der Zusatz verkündet: «Bauernkinder sind zum zu Hause Helfen freigestellt!» So bin ich dann während der ganzen Sek nur zwei Mal in der Badi gewesen. Es war im Sommer 1939 lange kalt Wetter.

Der letzte Schultag 1941 kam für mich eigentlich ungewollt, denn der Vater musste für einen Ablösungsdienst nach Faido auf Bahnwache gehen. Jetzt wäre ich aber doch gerne ein weiteres Jahr zur Schule gegangen, weil Gottfried Wolf nicht mehr Klassenlehrer war. In der Folge musste ich zu Hause und bei Nachbarn arbeiten und besuchte im Sommer den turnerischen Voruntericht und im Winter die landwirtschaftliche Fortbildungsschule. Voruntericht war immer im Schulhaus Riedt. Die Fortbildungsschule bei Lehrer Meili im Riedt und der Fachunterricht mit Paul Eggmann im Schlipfschulhaus. Auf dem Heimweg vom Vorunterricht hat es immer etwa ein lustiges Erlebnis gegeben. Robert Schaufelberger im ›Hubhansen‹ hat uns einmal aufgelauert und bös erschreckt. Schnell auf Rache besonnen, haben wir eine halbe Stunde später mit vereinten Kräften zwei Graskarren mit dem Futter für den Sonntag 500 Meter Richtung Hüebli gestossen und dort am Wegrand stehen lassen. Manchmal aber wurde auch noch ein Umweg über den ›Bühlerberg‹ gemacht, um bei einem Mädchen einen Kaffee oder Most zu heischen.

Während der ganzen Kriegszeit war Verdunkelung angesagt, und auch mit dem Velo musste mit einer blauen Lampe oder mit einem Stofflappen abgedunkelt gefahren werden. So sind wir einmal zu Viert auf drei Fahrrädern auf dem Heimweg in eine Kontrolle geraten. Zwei von uns hatten keine Verdunkelung, und der dritte mit einem Kameraden auf dem Gepäckträger ganz ohne Licht, ohne Nummer und eben noch zu zweit. Was aber dem Polizisten am meisten sauer aufstiess, Karl war in der gleichen Woche schon einmal erwischt worden. Darum auch der Ausruf: «So mues ich Si scho wìder verwȕtsche, Si ùnverbesserliche Gsell!»

Gerne wäre ich 1943 in die landwirtschaftliche Schule Wetzikon gegangen, musste aber verzichten, weil der Vater wieder vier Wochen auf Bahnwache nach Gurtnellen musste. Nun, ein Jahr später habe ich es dann geschafft. Nach der etwas schwierigen Sek bin ich hier sehr gerne in die Schule gegangen und hatte auch zum ersten Mal Freude am Abschlusszeugnis. Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Deutschlehrer Ruëdi Kägi, Mundartdichter aus Tann. Mit den Sprachfächern hatte ich ja früher eher Mühe gehabt, und hier galten ganz andere Regeln, es durfte z. T. auch Mundart geschrieben werden.

Ich merke, dass ich eigentlich vom Thema Weltkrieg abgekommen bin. Dieses Völkermorden wurde ja erstmals durch das Radio täglich frisch ins Haus übertragen. Die Sondermeldungen des deutschen Rundfunks wurden zwar anfänglich mit Interesse verfolgt, mit der Zeit aber, und nach Stalingrad, wurde man der Meldungen überdrüssig, und es wurde immer öfter BBC England gehört.

Unser Land wurde von den Kriegsereignissen zwar meist verschont, aber zu verschiedenen Malen wurde auch hier bombardiert, in Stein am Rhein, Eglisau, Schaffhausen, und einmal auch in Zürich, sind Bomben gefallen, und ich glaube, es könnte zum Teil ein Denkzettel der Amerikaner gewesen sein. Im ersten Winter der Landwirtschaftlichen Schule konnten wir in Wetzikon zusehen, wie eine fliegende Festung von einem Schweizer Messerschmitt-Jäger abgeschossen wurde. Neun Besatzungsmitglieder sind mit dem Fallschirm in der Gegend von Fehraltorf abgesprungen, die Maschine ist in den Greifensee gestürzt. ›Bomber Schaffner‹ hat den Riesenvogel in der Nachkriegszeit geborgen.

Nach der Niederlage der Franzosen 1940 war in Wald in der Spittelfabrik ein Interniertenlager für Militärpersonen, vorher schon für jüdische Emigranten benutzt, eingerichtet worden. Es waren Franzosen und Polen, die in Frankreich Militär leisteten, später, nach deren Repatriierung, folgten Engländer und Menschen aus Britischen Dominions, hauptsächlich aus Australien. Die Polen waren aber auch einige Zeit auf der Scheidegg im Massenlager und haben den nach ihnen genannten Polenweg von der ›Brandegg‹ gegen die ›Oberegg‹ gebaut, dazu wurde aber auch im Wald gearbeitet und Papierholz gemacht. Eine weitere Gruppe war im Schihaus Oberholz und hat von dort aus den Bauern bei der Ernte geholfen. Es mutet heute sicher seltsam an, dass damals Schweizer Frauen, die mit Internierten verkehrten, zum Arbeitseinsatz aufgeboten wurden. Socken stricken für die Armee und Ähnliches. Einige der Internierten haben in der Nachkriegszeit Schweizerinnen geheiratet und sind hier sesshaft geworden.

Etwa zwei Jahre nach Kriegsausbruch war schon der ganze tägliche Bedarf rationiert, mit Ausnahme von Gemüse und Kartoffeln, oder kontingentiert, wie etwa Velopneus. So wurde eben geflickt und nochmals geflickt, mit alten Pneus unterlegt und für den Notfall immer die Velopumpe mitgeführt. Ich erinnere mich an fast lebensgefährliche Fahrten ins Dorf, weil schon ein spitzer Stein den schwachen Reifen zerstören konnte. Und es gab noch überhaupt keine geteerten Strassen. Die Mutter war am Abend ständig mit Socken flicken beschäftigt, neue Wolle war teuer und rationiert und wurde mit jedem Jahr schlechter, da mit Zellwolle gemischt.

Zwar ist diese Arbeit mit ›Der Zweite Weltkrieg‹ betitelt, ich wollte aber nicht von Schlachten und Niederlagen berichten, sondern davon, wie in unserem Land die Verhältnisse sich ausgewirkt haben. Wir Schweizer sind ja in der vergangenen Zeit oft wegen unseres Verhaltens damals gerügt worden, oder wie unsere Grossbanken zu Zahlungen verpflichtet. Der Normalbürger hatte aber nie eine andere Wahl, als die Verhältnisse so hinzunehmen, wie sie sich aus der jeweiligen Kriegslage ergeben haben.

Die Arbeitslosigkeit ist ziemlich rasch zurückgegangen, und die Fabriken hatten eher mit zu wenig Rohstoffen zu kämpfen. Es war aber die grosse Zeit der Alteisen- und Lumpensammler, weil gar alles wieder einer Verwendung zugeführt werden konnte. Buntmetalle erzielten immer höhere Preise, und auch für Alteisen und Lumpen wurden gute Preise bezahlt. Die Metallindustrie hat aber viele Aufträge der Achsenmächte erfüllen müssen, damit noch genügend Rohstoffe und Lebensmittel in die Schweiz eingeführt werden konnten. Auf den Weltmeeren sind Handelsschiffe unter Schweizer Flagge gefahren und haben so noch im kleinen Rahmen über Genua und Marseille unsere Bedürfnisse abdecken können.

Eines ist mir aber noch genau bekannt, dem Benzin wurde ›Emserwasser‹ beigefügt, das war aus Holzabfällen destillierter Brennstoff, welcher eine rote Farbe besass und in der Holzverzuckerungsanlage Domat-Ems hergestellt wurde. Die ganz alten Mähmaschinen mit Motosacoche-Motoren sind damit bestens gelaufen. Die neueren Zweitakter hatten, wie es schien, eher Mühe damit, weil auch viel schlechtes Schmieröl im Handel war.

Noch 1947, als ich mit zwei Jahren Verspätung meine Rekrutenschule absolvierte, waren auch bei der Armee Waffenrock und Hosen teilweise aus Mischgewebe abgegeben worden. Von den Kameraden ›Hërdöpfelschtuude-Hose‹ genannt. Sie wirkten ohne lange Unterhosen wie feines Glaspapier. Ich erinnere mich aber noch daran, dass ein Bekannter mit einem fast neuen Anzug im Regen nach Hause ging, und dessen Kleidung nachher völlig aus der Fasson war und kaum mehr zum Arbeiten taugte.
Ab etwa 1943 wurde in der Schweiz der obligatorische Landdienst eingeführt. Jugendliche und freiwillig auch Ältere leisteten so bei den Bauern zur Hauptsache Haushalt- und Erntehilfe. Daraus ergaben sich zum Teil bis heute bestehende Freundschaften, und manche Tochter hat nachher aufs Land geheiratet.

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