Aus meiner Erinnerung möchte ich die Dreissiger Jahre wieder auferstehen lassen, so wie ich sie damals als Bauernbub miterlebt habe.
Die Mutter erklärte mir, warum Vetter Henri aus der Haselstud meinem Vater hilft, in der Gheistweid eine Dränage zu machen: «Auf der ganzen Welt ist eine Wirtschaftskrise ausgebrochen, und das merken bei uns vor allem die Textilbetriebe!». Die Weberei Honegger in der Bleiche wurde bestreikt. Vor allen Fabriken waren Streikposten aufgestellt, und immer wieder wurde von den streikenden Leuten demonstriert (Regionale Demo beim Schulhaus Binzholz). Tante Ida fand das nicht gut und schickte ihren Mann, der Schlichter war, zu uns zum Arbeiten. Bis die üble Zeit vorüber ist, haben die zwei Schwäger viele Meter offenen Graben tiefer gemacht, mit Tonröhren versehen und eingedeckt. Folglich hatte der Streik einige Zeit gedauert. Vetter Henri hat dank seiner Abwesenheit bei den Demos seine Arbeit nicht verloren, und dem Vater war auch gedient.
Auf die Frage, warum mir gerade dieses Ereignis so intensiv im Gedächtnis ist, konnte ich eigentlich alle die Jahre hindurch keine klare Antwort finden. Ich weiss aber noch genau, dass mich die Mutter jeweils mit dem ›Chrätzli‹ am Rücken, mit dem Znüni und Zvesper in die Weide hinunter schickte. Wenige Jahre später hatte mein Cousin Paul seine Lehre als Sanitärmonteur fertig und fand keine Arbeit. Auch jetzt waren meine Eltern froh um eine Hilfe, wurde doch in dieser Zeit unser Wohnhaus teilweise umgebaut. Bei diesen Arbeiten hat uns Paul wertvolle Hilfe geleistet.
Ich mag mich aber noch gut daran erinnern, dass ein Cousin meiner Grossmutter, Jakob Hess-Künzli im Chefi, Laupen, damals um die 60 Jahre alt, von Zeit zu Zeit bei uns war, um Brennholz zu spalten oder bei anderen Arbeiten zu helfen. Weil er lange Zeit arbeitslos war und zu Hause unzufrieden herumhing, war seine Frau Katharina froh, wenn er wieder einige Zeit arbeiten durfte, rechtes Essen hatte und ihr zu Hause nicht auf die Nerven gab. Für sein Sackgeld war sie sogar selbst besorgt! Beider Sohn war damals in Italien und hat für Mussolini Prachtstrassen und später auch Nachschubwege in Afrika, Cyrenaika–Tripolis–Abessinien gebaut. Wir haben nie mehr von ihm gehört, wahrscheinlich ist er bei seiner Arbeit ums Leben gekommen!
Trotz unseres kleinen Betriebes hatte der Vater immer Anfragen vom Arbeitsamt, ob man nicht jemand zum Arbeiten schicken dürfe. Er hat aber immer Verwandte vorgezogen. Ein Jahr nach Cousin Paul war auch dessen Bruder Heinrich bei uns. Gleicher Grund, keine Arbeit!
Auch für die Bauern waren diese Jahre kein Honiglecken und für viele schwer zu verkraften. Mein Vater hatte seit dem ersten Weltkrieg nicht mehr aufgehört zu ackern. So wurden jedes Jahr etwa 10–15 Aren Kartoffeln und 20–30 Aren Korn (Dinkel) angepflanzt. So hatten wir immer mindestens ein halbes Jahr eigenes Brot. Kartoffeln wurden noch verkauft. Der Preis von Fr. 7.50 per Zentner brachte jedoch keine Reichtümer ein. Die guten Honigernten im Bienenhaus halfen mit, dass immer etwas zu verkaufen war. Mit dem Milchzahltag war es eben auch gar nicht gut bestellt. Wegen der Kontingentierung durfte nicht viel gemolken werden, und für überlieferte Milch wurde nur 6 Rappen pro Liter bezahlt.
1936 – In Deutschland war Hitler drei Jahre an der Macht, und junge Schweizer waren draussen schwerem Druck durch die Hitlerjugend ausgesetzt. So war ab diesem Frühjahr Max Kägi aus Solingen, Bürger von Hinwil, bei uns, um das Bauernhandwerk zu erlernen und eben auch von den Nazis wegzukommen. Trotz seines kleinen Lohnes wunderte ich mich oft, wie meine Eltern immer alle Rechnungen bezahlen konnten.
Nach dem Tode meiner Grossmutter Albertine geborene Hess 1931 hat mein Cousin Max Schaufelberger einen Radio installiert, damit es dem Grossvater weniger langweilig sei. Die Antenne dazu wurde vom Kirschbaum hinter dem Haus zum Giebelfenster und von dort frei hängend zum letzten Stubenfenster geführt, mit einer Ausschaltung bei Gewitter. So ist mir die weite Welt schon früh bewusst geworden. Auf Langwelle konnte man sogar Radio Batavia im heutigen Indonesien empfangen. Radio Laibach war ein starker Sender aus Slowenien und sendete viel Volksmusik. Dieser Radio bewirkte, dass eine halbe Stunde später zu Mittag gegessen wurde, weil dann die Nachrichten von Beromünster aus dem Lautsprecher kamen. Dem Familienleben hat das sicher wenig genützt, weil keiner den Vater beim Radio hören stören durfte.
Die Dreissiger Jahre sind aber nicht nur grau und trüb verlaufen. Besonders in der Ferienzeit herrschte bei uns immer reger Betrieb: Ferienkinder waren manchmal in jedem vorhandenen Bett. Ich erinnere mich noch an den Sommer 1932, da waren sechs Ferienkinder und Tante Rosina Schaufelberger aus Richterswil bei uns. Besonders noch in der Erinnerung, weil es lange kühl und nass war. Der alte Kachelofen musste oft für ›Müeterlis‹ machen herhalten. Zu allem war dann noch ›Schtȁiger Hȁiri‹ ein ›Ùmelauffi‹ bei uns, der schlief aber bei den Kühen im Stall. Unsere Ferienkinder aus Zug haben ihn auf dem Weg zum Brot Holen in der ›Kürze‹ zusammengelesen und ins Gheist mitgenommen. Die Tiere hatten sich nach und nach an seinen ›Brüederligschtank‹ gewöhnt (Geruch von alten, ungewaschenen Kleidern).
Autos hat es in den dreissiger Jahren fast keine gegeben. Ins Gheist direkt sind wohl im Jahr kein halbes Dutzend gekommen. Hin und wieder Taxi Zimmerli im Schlipf, wenn mein Grossvater zum Haare Schneiden ins Dorf ging und sich nach Hause kutschieren liess. Meistens hat er aber den Weg vom Felmis wieder zu Fuss gemacht. Immer im Frühling ist Karl Birchmeier aus Wolfhausen mit seinem blauen Auto aufgekreuzt, er handelte mit wohlfeiler Konfektion, Überkleidern und Ärmelschürzen. Erst ab etwa 1935 besass mein Cousin Max Schaufelberger ein Auto und war hie und da im Gheist.
Die erste Hälfte der dreissiger Jahre waren geprägt durch viele Todesfälle in der Familie und Verwandtschaft. Alle vier Grosseltern verstarben innert sechs Jahren. Mein Götti Albert im 47. Altersjahr an Weihnachten 1935, und eine Woche später Vetter Heinrich im Bürgerasyl, ein Bruder des Grossvaters.
Im Frühling 1936 wurden die Bienen meines verstorbenen Göttis Albert ins Gheist gezügelt. Der Vater hatte im Februar und März ein neues Bienenhaus gebaut, 60 Meter unterhalb der Scheune am Waldrand. Nun waren im ganzen um die 50 Völker zu pflegen. Sie haben zum Glück in den folgenden Jahren gute Honigernten gebracht. Ich musste oft jeden freien Nachmittag bei dieser Arbeit helfen und habe die Imkerei dabei auch lieben gelernt.
Die Weltwirtschaft hatte sich kaum etwas erholt, waren neue Wolken am Europahimmel aufgezogen. In Spanien war Bürgerkrieg (1936–39) und machte sich bis ins Gheist bemerkbar. Sonja Fassina, die Tochter eines italienischen Anarchisten und einer Berliner Jüdin war oft bei uns in den Ferien. Sonja lebte in Zürich bei einer Cousine des Vaters. Ihre Eltern waren nach der Machtübername durch Hitler nach Spanien geflüchtet und betrieben in Valencia eine Teigwarenfabrik. Sie konnten dann aber, nach dem Sieg von General Franco, nach Frankreich entkommen und mussten in der Zeit der Vichy Regierung nach der Niederlage der Franzosen irgendwo in den Untergrund gehen. Sonja war in dieser Zeit aber wieder bei ihren Eltern.
In Süd und Nord rüsteten nationalistische Regimes ihre Armeen auf, und nach dem Anschluss Österreichs 1938 war unser Land auf drei Seiten von den Achsenmächten eingeschlossen. Im Oberhölzler Schihaus waren Angehörige der Hitlerjugend in den Ferien und haben mit ihrem Leiter Horst, Freund der dortigen Lehrerin, im Gheist am grossen Schleifstein ihre Dolche geschliffen.
Die Wirtschaft kam sehr zögernd in Gang, bis 1939 herrschte grosse Arbeitslosigkeit, und es wurden viele sogenannte Notstandsarbeiten ausgeführt. 1936, ein Kilometer neue Waldstrasse ›im Choot‹, vom Marchstein (Wolfsgrueb) bis gegen den Dachsgubel unter der Schwemmealp für die Korporation Oberholz. Dann wurde auch die Wasserversorgung Laupen ausgebaut. Im Hüebli und Felmis aber von Grund auf neu erstellt. Damit alle Gehöfte mitmachen mussten, hat der Kantons-Chemiker alle Quellen der Wacht untersucht. Merkwürdigerweise haben dabei nur die für eine Wasserversorgung hoch genug gelegenen Quellen den Test bestanden. Alle anderen Brunnen wurden mit einer Tafel ›Kein Trinkwasser‹ versehen!
1933 kam ich in die erste Klasse. Lehrer Emil Büttner unterrichtete damals 46–51 Schüler in sechs Klassen! Die Kinder der unteren Klassen waren oft mit einer Sechstklässlerin im Nähschulzimmer und machten schriftliche Arbeiten. Schulbeginn war im Sommer für die vierte bis sechste Klasse um sieben Uhr, für die zweite und dritte Klasse um acht, und die Erstklässler folgten um neun Uhr. Im Sommer gab es bis 14 Tage Heuferien, nur bei schönem Wetter, und drei Wochen Sommerferien. In den Herbstferien mussten die meisten Kinder Vieh hüten, elektrische Weidezäune gab es nicht. Bei schönem Wetter ein Vergnügen wegen der Herdenfeuerchen, an denen Äpfel und Kartoffeln gebraten wurden. Gab es aber Regen und Kälte, war es ein Graus. Die ganze Woche wurden die Kleider nie recht trocken, und an die Füsse fror man oft erbärmlich. Die Schuhe wären ohnehin total durchnässt worden und kaputtgegangen, und Gummistiefel gab es noch nicht.
Wir hatten im Hüebli ein paar Jahre so etwas wie einen ›Schuelgötti‹. Herr Jean Zahner aus Rüti vom Metzgereifachgeschäft war unser Visitator und hat den Hüeblischülern jeweils am Schulsilvester Wienerli gespendet. Einer seiner Metzgereikunden hat sie ins Hüebli gebracht (Hotz Talegg oder Knobel). Wer das Brot dazu gespendet hat, ist mir unbekannt.
Wenn ich heute die Schulfoto von 1934 mit Emil Büttner betrachte, denke ich: «Wie armselig doch damals die Hüeblikinder zur Schule gingen!» Sobald im Frühling einigermassen aper war, mussten die ersten Kameraden schon barfuss zur Schule gehen. In der Pause sind sie dann meist auf die Bäume geklettert, weil der Boden noch gar so kalt war.
1933/34 wurde der neue Turnplatz gebaut. Der alte zwischen Schulhaus und ›Zollers Denkmal‹ (Trafostation) wurde zum Schulhausgarten, der frühere Schulgarten zum Rasenplatz, und auf der gleichen Seite wurde eine offene Pausenhalle angebaut. Nun hatten die Schüler endlich einen Platz, wo auch Völkerball gespielt werden konnte. Wir hatten nur Mühe mit zu weit geworfenen Bällen, weil der Nachbar mit Argusaugen über sein Gras wachte. Im Winter wurde in der grossen Pause immer Schi oder Schlitten gefahren, oft im ›Weidli‹ gegen das Haltbergholz.
Im Hüebli zählte man damals noch 4 Läden! Einmal die Bäckerei mit Kolonialwaren von Hermann Brändli, im vorigen Jahrzehnt noch landwirtschaftlicher Konsumladen. Dann Karl Hofmanns Laden mit Wirtschaft darüber und einer Gartenwirtschaft vor dem Haus. In der Aa, neben der Wirtschaft ›Zur Sennhütte‹, der Spezereiladen der Familie Schönenberger. An allen drei Orten wurde auch Lampenpetrol verkauft, was sich teilweise auch an Schokolade und anderen Esswaren bemerkbar machte. Die Bäckerei besass aber auch die Salzwaage (Salzregal) und verkaufte das Petrol im angebauten Schopf. Dazu kam noch der vierte Laden: Oberhalb des Schulhauses, im südlichsten Teil des dreigeteilten Flarzhauses, betrieben zwei Schwestern meines Grossvaters den Mercerie- und Wolleladen der Geschwister Brändli. Sie verkauften auch Schulmaterialien, Schiefertafeln, Griffel, Hefte und Schwämme. Babette Brändli arbeitete aber bis in die Vierziger Jahre bei der Firma Elmer als Taglohnweberin. Butter und Käse wurde aber in der Aa bei der Witwe Lina Oberholzer, genannt ›Taavete Lina‹ gekauft. Sie hat noch lange auch die Milch in der Sammelstelle der Milchgenossenschaft Hübli–Felmis–Oberholz eingenommen. Emil Schönenberger hat mit vier Lieferanten die Milch zentrifugiert und den Rahm nach Winterthur geschickt.
In der Hüebli Schulwacht gab es drei Fuhrhalter. Im Felmis Adolf Bucher mit zwei Pferden, und in der ›Lueget‹ und ›Steinweid‹ zwei Peter mit Ochsengespannen. Alle drei führten zumeist Holz für den Staatswald am Tössstock und an der Scheidegg. Dann aber auch für die Korporation Oberholz und Schaufelbergers Sägerei im Steg Holz von dessen Geeralp, und sie handelten noch mit Brennholz. Arbeitslohn für Fuhren: Mann und Tier 1.5o Fr. pro Stunde, das macht 4.50 Fr. pro Stunde für das Gespann mit Fuhrmann (1939).
Im Hüebli und im Oberholz gab es noch je einen Schuhmacher, und der Wagner in der ›Tüüfi‹ fertigte Wagen, Räder, Fuhrschlitten und Werzeugstiele aller Art. Dazu, wie eine Reklametafel an Wagners Schopf anpries, auch handgefertigte Ski und Sportschlitten. Das Skifahren war, nachdem die Stickerei im Oberholz in ein Schihaus des Skiklubs Wald umfunktioniert worden war, an den Hängen gegen den Farner erst richtig in Schwung gekommen, und auf der neuen Sprungschanze wurde jedes Jahr ein gut besetztes Skispringen ausgetragen.
Im ›Hintererli‹, in der Sägerei mit Weiher auf der andern Seite der Strasse, wurde von Jakob Schrepfer Holz für eine örtliche Kundschaft zu Balken und Brettern gesägt.
Am Ende des Jahrzehnts ist dann der zweite Weltkrieg ausgebrochen, und ich erinnere mich noch genau an den Tag, als Tambour Steinemann und Ausrufer bei allen grösseren Gehöften den Generalmarsch geschlagen und den Marschbefehl für die Armee verlesen haben. Als ich aus der Schule heimkam, war der Vater bereits eingerückt, und es gab einen traurigen Abend. Unsre Gemeinde war durch das Aufgebot besonders schwer betroffen, weil eine Woche vorher ein Jahrhundertunwetter sehr schwere Verwüstungen angerichtet hatte. Bahn und Strasse nach Rüti waren unterbrochen, und vielerorts waren die Wiesenhänge voller Erdrutsche, Fabriken zum Teil im Inneren verwüstet und mit Geschiebe der Bäche meterhoch vollgeschwemmt. Bei uns waren noch 25 Aren Korn auf dem Feld und noch kaum Kartoffeln geerntet. Wir hatten das Glück, dass bei uns ein Vorarbeiter, der an der Wasserversorgung arbeitete, im Zimmer war, ein Bauernsohn aus dem Freiburgischen und nicht dienstpflichtig, der uns dann die Kornernte einbringen half. Im Winter darauf wurde er aber in der Nacht von der Ortswehr zum Hilfsdienst aufgeboten und musste schon am kommenden Tag nach dem zürcherischen Amt einrücken.
Viele Jahre sind seitdem vergangen, und immer noch denke ich oft an diese schwere und doch schöne Zeit zurück. Jedes Jahrzehnt mag in uns neue Eindrücke wecken, die vergangenen aber erscheinen uns im milden Lichte der Erinnerung!