1948 machte ich die Hälfte meiner zweiten Rekrutenschule in Andermatt. Ende Mai, am Pfingstmontag, mussten wir nach dem grossen Urlaub, und vorher neun Wochen Savatan, ins Gotthardgebiet einrücken. Bei unserer Ankunft lagen auf der Allmend noch die letzten Schneereste, aber es regnete in diesem schlechten Jahr jede Woche mindestens einen Tag. Merkwürdigerweise waren aber die Wochenenden mehrheitlich trocken. So bin ich immer am Sonntagmorgen in irgend eine Richtung auf eine Wanderung gegangen. Dabei habe ich zum ersten Mal in meinem Leben den Bergfrühling mit seiner Blumenpracht kennengelernt. Mit einer Ausnahme habe ich aber immer von Samstagmittag bis Sonntagmorgen Stallwachchef gespielt und wurde dafür von den mit Heimweh geplagten Kameraden bezahlt. Das hat mir oft die Rückkehr nach Andermatt mit der Bahn oder dem Postauto finanziert. Besonders gern bin ich immer wieder in Richtung Oberalppass, Piz Calmot oder hinaus in die Furka gegangen. An beiden Orten aber gab es die wunderbaren Weiden voller Frühlingsblumen. Und weil es nie richtig warm wurde, blühten sie in diesem Jahre besonders lange.
Noch sehr gut in Erinnerung ist mir aber ein Sonntagmorgen geblieben, als ich auf dem Wege ins Unteralptal drei Klosterfrauen einholte und bald merkte, dass es sehr gelehrte Personen waren, die so richtig sich mit der Botanik befassten. Besonders die älteste, mir schon von einer früheren Begegnung bekannte Sekundarlehrerin, konnte mir noch unbekannte Blumen mit dem richtigen Namen nennen. Nach eineinhalb Stunden gemeinsamem Wandern sind die Frauen dann am gegenüberliegenden Abhang nach Andermatt zurück gegangen. Ich aber bin zum Pass aufgestiegen und am Abend mit der Oberalpbahn ins Tal zurück gefahren.
So habe ich manchmal am Wochenende die grössten Strapazen der ganzen Woche gehabt. Doch von den gemachten Erfahrungen und Erlebnissen möchte ich heute noch keine missen. 50 Jahre später bin ich dann mit meiner Frau nach dem Oberalp gefahren und konnte wieder die gleiche unberührte Natur bewundern, die mir schon in jungen Jahren am Piz Calmot so unendlich reich ins Gedächtnis kam.