Zum zweiten Mal nach 1975 sind wir für eine Woche in den Niederlanden auf Kurzferien gewesen. Nicht wie die meisten Touristen nach dem Keukenhof, sind wir viele Male durch die unter dem Meeresspiegel liegenden Landschaften gefahren und haben die schönen Farbtupfer der Tulpenfelder bewundert. Früher meistens an der Vorderseite gegen die Nordsee bei Harleem, werden heute auch in den neuen Poldern Flevoland und Nordost-Polder Tulpen für die Knollenproduktion angebaut und von dort in die halbe Welt exportiert. Gegen Ende der Woche waren schon in vielen Feldern die Blumen geköpft, um möglichst grosse Knollen zu erhalten. Diese Arbeit wird von grossen Maschinen gemacht, zuerst werden aber alle nicht farbenreinen Pflanzen entfernt, damit später sortenreine Knollen geerntet werden können. Nach der Maschine kommt aber noch einmal der Mensch zum Einsatz, um alle nicht erfassten Pflanzen zu köpfen. Die Kümmerer werden aber dabei meist entfernt, um nur gesunde kräftige Tulpen weiter zu kultivieren.
Holland war schon immer das Land der Windmühlen, und einige der alten Wassermühlen versehen ihren Dienst noch heute und pumpen das Wasser aus den tief gelegenen Feldern in die höher, meist auf den Deichen verlaufenden Entwässerungskanäle. Die verwendeten ›Pumpen‹ sind eigentlich Archimedische Schrauben. Dabei wird mit wenig Energieaufwand viel Wasser auf eine höhere Ebene gehoben. Es gibt aber östlich und südlich der Zuidersee sehr viele moderne Windmühlen mit Generatoren für die Erzeugung von Elektrizität, oftmals wie bei Lelystad, einer völlig neuen Stadt im Flevoland Polder, in eigentlichen Windparks zusammengefasst. Diese Windkraftanlagen haben drehbare Propeller bis über 10 m Länge. Damit immer genau die Periodenzahl des erzeugten Stroms stimmt, wird je nach Windstärke automatisch ein anderer Anstellwinkel eingestellt. Es stehen aber bei vielen Bauernhöfen privat gebaute Windmühlen, je nach Bauart mit zwei oder drei Flügeln. Diese wurden noch vor kurzem hoch subventioniert als Kapitalanlage mit guten Gewinnaussichten, nach Auskunft meines Freundes Peter Oosterbroek können sie aber in neuerer Zeit wegen Änderung eines Gesetzes kaum mehr ihre Kosten decken. Nur wer mit Eigenkapital gebaut hat, wird nicht früher oder später mit Verlust an den Staat verkaufen müssen. Dabei ist Holland sicher eines der wenigen Länder in Europa, welches sich mit der Windkraft eine autonome Elektrizitätsversorgung aufbauen könnte. Die Energie dazu ist ja Tag und Nacht, jahrein, jahraus immer in genügender Menge vorhanden. Dem Wind werden darum auch mit Hecken und Baumreihen (Pappeln, Ulmen und andere Arten) Hindernisse gepflanzt, damit das dahinter liegende Land weniger austrocknet und damit seine grosse Fruchtbarkeit behält.
Die grösste Tour machten wir mit Peter zum Abschlussdeich zwischen Nordholland und Friesland. Dieser wurde in den Dreissiger Jahren fertig erstellt und bildet ein gigantisches Bauwerk zum Schutze vor Springfluten. Die Meeresküste Hollands wurde dadurch um 450 km verkürzt und eine direkte Strassenverbindung zwischen den beiden Provinzen geschaffen. Heute überquert man auf einer richtungsgetrennten Schnellstrasse den mächtigen Deich mit einer Fussbreite bis 140 m, beidseitig mit liegenden Basaltsteinwürfen gegen Erosion befestigt. Weil Holland nirgends eigene Steine besitzt, wurden diese mit Lastschiffen aus Schottland an die Bauplätze geholt. Zur Regulierung des Seespiegels des neu entstandenen Süsswassersees dienen verschiedene Schleusen, welche immer bei Ebbe offen stehen und auch dem Lachs die Möglichkeit bieten, in seine Laichgewässer zu schwimmen. Auch die noch ansässigen Hochseefischer müssen über Schleusen zu ihrem Fanggebiet im offenen Meer gelangen. Durch den Bau des Abschlussdeichs wurde es möglich, im Osten der Zuidersee den Nordostpolder und im Süden Flevoland trockenzulegen. Heute ist auf Flevoland eine neue Industriestadt, Lelystad, benannt nach dem Planer des Abschlussdeichs, mit Anschluss an die Weltmeere, bald fertig gebaut und über eine Schnellstrasse mit der Hauptstadt Amsterdam verbunden.
Der letzte geplante Polder bei Marken wurde nicht realisiert, weil der Widerstand der verbliebenen Fischer zusammen mit Ökologen und Naturschützern in letzter Minute den Bau noch verhindern konnte. Der bereits fertiggestellte Deich zwischen Lelystad und Enkhuizen wird so in Zukunft nur die Schnellstrasse nach Nordholland tragen. Es machte angesichts der Agrarüberschüsse auch keinen Sinn mehr, noch neues Ackerland zu gewinnen. Vielmehr sind eben naturbelassene Gewässer für den Tourismus und als Naherholungsgebiete gefragt, und gerade hier in bester Form erhalten geblieben. Wassersport und besonders Segeln ist bei den immer herrschenden Winden sehr beliebt, und Tausende von Wasservögeln bevölkern ihre Ufer.
Unterwegs besuchten wir auch eine der in vielen Städtchen und Dörfern noch vorhandenen Waagen, die oft im Rathaus untergebracht sind, wo heute zwar nur noch für die Touristen Käse gewogen wird. Dazu werden die oft kugelrunden Laibe auf Holzbahren aufgeschichtet und so für den Käsehändler das Gewicht en gros bestimmt. Dabei sind die grössten Gewichtsteine 25 kg schwer, und ich kann mir leicht vorstellen, dass früher auch bei uns im Zollhaus gleich gebaute Waagen ihren Dienst getan haben. Die Waagbalken, an der Decke frei hängend, sind 4–6 Meter lang, im Drehpunkt auf einer Schneide aus Stahl gelagert und haben meist gleich lange Schenkel (Gewichte analog dem Wägegut). Gewogen wird nur, was zwei starke Männer tragen können! Als Traghilfe dienen ihnen über die Schultern geworfene Gurten.
Noch immer ist Holland ein Käseland, die Käsereien scheinen aber wie andernorts den Käsefabriken zu weichen. Überleben werden wohl nur kleine Betriebe, welche sich für Spezialitäten entschieden haben. Diese seien nach Auskunft von Peter wieder mehr gefragt als in vergangener Zeit mit ihrem Trend zu immer grösseren Einheiten.